Mir fällt seit Jahren etwas auf.
Frauen kommen zu mir, weil sie sich eine Beziehung wünschen. Sie erzählen von Männern, die ihnen wichtig sind. Von Begegnungen, die vielversprechend begonnen haben. Von Nähe, die da war. Von schönen Gesprächen. Von gemeinsamen Erlebnissen. Und irgendwann landet die Geschichte fast immer an derselben Stelle.
Der Mann wird unklar.
Er zieht sich zurück. Er wird vorsichtiger. Er legt sich nicht fest. Jedenfalls nicht so, wie die Frau es sich wünschen würde.
Und von da an dreht sich alles um ihn.
Die Frau versucht zu verstehen, was in ihm vorgeht. Sie beobachtet sein Verhalten. Sie achtet auf jede Nachricht. Auf jede Veränderung. Auf jedes Signal. Der Mann wird zum Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit.
Ich kenne das.
Früher habe ich genauso gedacht.
Auch für mich war selbstverständlich, dass der Mann entscheidet. Schließlich spricht er die Frau an. Er macht den ersten Schritt. Er fragt nach einem Date. Er macht irgendwann einen Antrag. Zumindest erzählen wir uns diese Geschichte seit Generationen.
Irgendwann begann ich zu bemerken, dass etwas daran nicht stimmen kann.
Je länger ich Frauen begleitete, desto häufiger hatte ich das Gefühl, dass wir alle auf die falsche Person schauen.
Männer sind wichtig.
Trotzdem wird dabei oft etwas anderes übersehen.
Wenn Frauen mir von Männern erzählen, die sich nicht entscheiden, entdecke ich oft eine Frau, die selbst noch unterwegs ist.
Der Mann bedeutet ihr etwas. Sie kann sich vorstellen, dass aus dieser Begegnung mehr wird, und genau deshalb beobachtet sie aufmerksam, wie es weitergeht. Gleichzeitig hält sie innerlich noch inne. Ein Teil von ihr möchte erst Sicherheit spüren, bevor sie sich wirklich einlässt. Sie sucht nach Klarheit in seinem Verhalten und nach einem Gefühl dafür, woran sie ist.
Während wir darüber sprechen, beginne ich mich häufig zu fragen, wie ein Mann eigentlich wissen soll, wohin die Reise geht, wenn die Frau selbst noch auf Orientierung wartet.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem mein Blick auf Beziehungen sich verändert hat.
Ich glaube heute nicht mehr, dass Männer Beziehungen steuern.
Ich glaube, sie orientieren sich.
Das bedeutet nicht, dass sie willenlos sind. Es bedeutet auch nicht, dass sie keine Verantwortung tragen. Es bedeutet lediglich, dass Männer erstaunlich sensibel dafür sind, wo eine Frau innerlich steht.
Sie spüren, ob eine Frau wirklich präsent ist, ob sie innerlich angekommen ist, wie klar ihr eigener Weg bereits vor ihr liegt oder ob sie noch damit beschäftigt ist, nach Orientierung zu suchen.
Vor vielen Jahren hat mich eine Szene aus Sex and the City beschäftigt. Mr. Big möchte wissen, ob Carrie wirklich da ist. Ob er sich auf sie verlassen kann. Ob sie bleibt. Wenn er seine Frau für Carrie verlässt.
Je älter ich werde, desto weniger interessiert mich dabei Mr. Big. Meine Aufmerksamkeit wandert zu Carrie. Sie liebt ihn. Daran besteht kein Zweifel. Und trotzdem kann sie ihm nicht geben, wonach er sucht: Orientierung. Vielleicht liegt genau dort eines der größten Missverständnisse zwischen Männern und Frauen. Frauen glauben oft, Männer müssten die Richtung vorgeben. Männer suchen häufig nach einer Frau, an der sie sich orientieren können.
Das Tragische daran ist, dass viele Frauen ihre eigene Rolle in diesem Geschehen überhaupt nicht kennen.
Sie halten Ausschau nach dem Mann, der endlich weiß, was er will.
Während ihnen niemand gezeigt hat, welche Bedeutung ihre eigene Klarheit für eine Beziehung hat.
Genau deshalb leiden so viele Frauen länger als nötig.
Sie suchen die Antwort dort, wo sie nicht liegt.
Und irgendwann entsteht der Eindruck, dass das Glück von der Entscheidung eines Mannes abhängt.
Eine schreckliche Vorstellung eigentlich.
Denn dann bleibt nur warten.
Ich glaube, dass Frauen viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, als ihnen bewusst ist.
Ich glaube, dass Frauen viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben, als ihnen bewusst ist.
Es geht dabei nicht darum, Einfluss auf Männer zu nehmen oder ihr Verhalten zu steuern. Es geht um die Beziehung selbst. Um die Richtung, die sie nimmt. Um die Atmosphäre, die zwischen zwei Menschen entsteht. Und um die Orientierung, die daraus wächst und an der sich beide ausrichten können.
Und vielleicht beginnt alles mit der Bereitschaft, den Blick für einen Moment vom Mann zu lösen und sich selbst wieder in die Geschichte hineinzunehmen.
Denn solange Du glaubst, er müsse sich zuerst entscheiden, verstehst Du nicht, welche Rolle Du selbst spielst.

ÜBER DEN AUTOR

Claudia Miltenberger
Claudia Miltenberger ist Expertin für Partnerschaft für Singles und Paare und hat bereits zahlreiche Singles in erfüllte Partnerschaft begleitet und damit ihr Wissen unter Beweis gestellt. In diesem Blog erfährst Du mehr über ihre Expertise.